Reread – Henry James: „The Turn of the Screw“

Überblick

Titel: „The Turn of the Screw“

Autor: Henry James

Jahr der ersten Erscheinung: 1898

Genre: American Gothic, Horror

Bewertung: 3,5 / 5

Bewertung: 3.5 von 5.

Zum Buch

Da wir uns diesen Monat im Spooktober befinden, brauche ich auch ein paar Gruselbücher! Aus einem Seminar ein paar Semester zuvor habe ich noch zwei Werke des American Gothic, eine meiner liebsten Gattungen für mein Studium (nicht zu verwechseln mit dem Gemälde von Grant Wood). Ich bin ein kleiner Angsthase hinsichtlich Jump Scares in Filmen und Serien, weshalb ich gruselige Geschichten lieber lese, statt sie anzusehen.

Dabei ist es gar nicht so einfach, American Gothic für die Literatur zu definieren. Am Ende des Seminars haben wir versucht, ein paar Merkmale zu sammeln:

  • Meist geht es um die Gegenüberstellung bzw. den Kampf zwischen dem Menschen und etwas „anderem“.
  • Häufig handelt es sich dabei um ein übernatürliches Element, welches am Ende der jeweiligen Handlung erklärt werden kann… Oder auch nicht. Oft bleibt das Ende auch doppeldeutig, offen oder undurchsichtig.
  • Wer sieht was und wer erzählt? Häufig wird mit der Erzählsituation und der Realität gespielt.
  • Besonders das Setting ist für American Gothic von Bedeutung. In Europa zeichnen sich klassische Geistergeschichten durch „typische“ Geister in alten Burgen, Schlössern und Gemäuern aus dem Mittelalter aus. In Amerika gibt es diese alten Gemäuer in der Form nicht, weshalb sich stattdessen auf andere Themen konzentriert wurde. Dunkelheit, der Tod und das Groteske sind Themen in den Werken.
  • Besonders im Southern Gothic wird auch das Grauen der Sklaverei thematisiert.

„The Turn of the Screw“ von Henry James ist in dieser Hinsicht ein Klassiker. Ich teile mal mit euch die Inhaltsangabe der Version, die ich hier habe, und eine deutsche Fassung.

In what Henry James called a ‚trap for the unwary‘, The Turn of the Screw tells of a nameless young governess sent to a country house to take charge of two orphans, Miles and Flora. Unsettled by a dark foreboding of menace within the house, she soon comes to believe that something malevolent is stalking the children in her care. But is the threat to her young charges really a malign and ghostly presence or something else entirely? The Turn of the Screw is James’s great masterpiece of haunting atmosphere and unbearable tension and has influenced subsequent ghost stories and films such as The Innocents, starring Deborah Kerr, and The Others, starring Nicole Kidman.

Quelle: https://www.hugendubel.de/de/taschenbuch/henry_james-the_turn_of_the_screw-14736183-produkt-details.html?searchId=2026096584

Es klingt nach einer Aufgabe, wie jede andere auch, die eine junge Lehrerin auf einem abgelegenen Landsitz zu erfüllen hat. Kinder unterrichten, das richtige Benehmen lehren, dafür sorgen, dass alles in geordneten Bahnen läuft. Anfangs scheint alles genauso zu laufen.
Bald aber zeigt sich, dass hinter der goldigen Fassade der Kinder etwas lauert. Etwas Unaussprechliches. Etwas Böses. Etwas, dass nur eines will zurückkehren ins Reich der Lebenden.

Quelle: https://www.hugendubel.de/de/hoerbuch_download/henry_james_thomas_tippner-das_durchdrehen_der_schraube-37085368-produkt-details.html?searchId=2026101899

Das war mein erster, direkt geplanter zweiter Lesedurchgang eines Buches. Ich dachte am Anfang, es wäre viel einfacher. Aber für so ein Genre war es dann doch nicht so leicht. Denn wenn man das Ende schon kennt, liest es sich unheimlich langsam, um bis zum Ende durchzukommen. Ich muss zugeben, ich habe nach dem 10. Kapitel abgebrochen, langsam und aufmerksam zu lesen. Danach kam mir andauernd der Gedanke: „Ach ja, stimmt, das ist dann passiert“. Vielleicht eignet sich so ein Genre nicht so gut für einen Reread. Aber es gibt definitiv Werke aus dem Genre, welche ich mit Freuden noch ein zweites Mal gelesen habe.

Denn „The Turn of the Screw“ zieht sich. Vielleicht liegt es daran, dass es ursprünglich Kapitel für Kapitel in einem wöchentlichen Magazin veröffentlicht wurde. Wenn man es in einem Stück liest, „dauert“ es sehr lange, finde ich. Das Setting ist natürlich passend. Ein alter, großer Landsitz, zwei Waisenkinder. Eine junge Frau, die anfängt, Geistererscheinungen zu sehen und dabei nicht ganz deutlich wird, was sie sich einbildet und was nicht. Aber es haben mich wieder besonders die Kinder, Miles und Flora gegruselt. Diese allzu perfekten, sanften, engelsgleichen Wesen, hinter deren Fassade aber keine Engel zu stecken scheinen. So beginnt auch die Geschichte. Mit der Feststellung, dass Gruselgeschichten noch eine Umdrehung der Schraube bekommen (noch gruseliger, extremer werden), wenn ein Kind darin vorkommt. Was, wenn es sogar zwei Kinder sind?

Both the children had a gentleness – it was their only fault, and it never made Miles a muff – that kept them (how shall I express it?) almost impersonal and certainly quite unpunishable. They were like those cherubs of the anecdote who had – morally at any rate – nothing to whack! I remember feeling with Miles in especial as if he had had, as it were, nothing to call even an infinitesimal history.

„The Turn of the Screw“, S. 29

Spannend bleibt das Buch hinsichtlich der literarischen Theorien, die man darauf anwenden kann. Allen voran die Erzählsituation. Es gibt eine Rahmenhandlung und eine eingebettete. In der Rahmenhandlung erzählt ein Mann namens Douglas einem Ich-Erzähler, welcher nicht näher benannt wird, und anderen Versammelten eine Gruselgeschichte. Diese außergewöhnliche Geschichte wird in der eingebetteten Handlung durch die Augen der Gouvernanten präsentiert, jedoch in der Vergangenheit. Nicht nur ist sie ein(e) sog. „unreliable narrator“, eine unzuverlässige Erzählerin, da man ihrer Sicht der Dinge nicht trauen kann. Die Handlung wird zusätzlich gestreckt. Sie berichtet nur rückblickend und dann gibt es noch die Rahmenhandlung.

Das Setting der Geschichte, das langsame Entspinnen des Grauens und die Veränderungen der Kinder sorgen durchaus für eine Gänsehaut im Nacken. Auch, wie der junge Miles mit der Gouvernanten ein Machtspiel treibt, wird immer weiter zugespitzt. Ich glaube, würde man jede Woche ein Kapitel lesen, würde sich die Spannung besser aufbauen. So, wie „The Turn of the Screw“ von den ersten Leser*innen gelesen wurde. Allerdings sollte das Buch auch funktionieren, wenn man es in einem Ruck und zum zweiten Mal liest. Daher habe ich mich entschieden, dem Buch an sich 3,5 Sterne zu geben. Nichtsdestotrotz ist es ein wichtiges Werk für das Genre und die Grundlage für viele, teilweise sehr ausschweifende Adaptionen.

Ich habe gestern angefangen, die neue Serie dazu auf Netflix anzusehen (im Rahmen von dieser Serie wurde auch das Buch verfilmt, was ich für den Sonntag in zwei Wochen geplant habe :D). Die Handlung hält sich grob an das Original, besonders auf Englisch wird deutlich, dass auch einige Passagen aus dem Buch übernommen wurden. Auch wurden einige Kernelemente, was die Kinder betrifft, noch mehr herausgekehrt und zugespitzt. Das mochte ich. Für den Rest habe ich gemischte Gefühle. Für meinen Geschmack viel zu viele Jump Scares… Ich sehe teilweise ein, warum sie eingefügt wurden, aber ich halte von denen nicht viel als stilistisches Mittel. Aber mir haben die Nebencharaktere gefallen, welche für die Serie teilweise neu hinzugefügt worden sind. Auch habe ich großen Respekt vor den beiden jüngsten Darstellern. Im Buch schon habe ich mich vor den Kindern gefürchtet, aber die Serie hat mir das Gruseln noch mehr gelehrt. Ich werde sie heute Abend zu Ende ansehen.

Schaut gern bei Gabriela vom buchperlenblog vorbei, auch sie hat neulich das Buch gelesen. >Hier< findet ihr ihre Rezension dazu, viel Spaß beim Lesen!

4 Gedanken zu “Reread – Henry James: „The Turn of the Screw“

  1. Hallöchen! =)
    Da bin ich aber froh, dass deine Einschätzung des Buches sich am Ende gar nicht so sehr von meiner entfernt. Eigentlich denke ich gern an die Geschichte zurück, wenn ich sie nacherzähle. Und die Dialoge wegnehme. Deshalb bin ich umso gespannter, wenn es auch bei uns ab morgen Abend heißt: Willkommen auf Bly Manor. 😀

    Alles Liebe!
    Gabriela

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Gabriela,
      ich finde, die Geschichte nachzuerzählen macht sie fast noch spannender als sie zu lesen! Vielleicht hat der werte Herr James das ja so gewollt? Immerhin wird die Geschichte in der Rahmenhandlung ja auch erzählt, haha. 😀
      Durch die Serie habe ich mich jetzt durchgequält und muss sagen, ich bin nicht sooo übermäßig begeistert. Am Ende war dann doch alles ein bisschen voraussehbar. Und ich bleibe dabei: viel zu viele Jump Scares. Meiner Meinung nach ein sehr billiges Mittel, um für Schrecken zu sorgen. ^^

      Liebe Grüße
      Alina

      Liken

  2. Liebe Alina,
    was ein spannendes Buch, das du da vorgestellt hast! Ich muss ehrlich sagen, ich habe bisher noch nichts von American Gothic gehört, aber finde es unheimlich spannend (haha). Ich bin leider echt kein Fan von Horror jeglicher Art, aber deine Erzählung von den engelsgleichen Kinder finde ich wirklich sehr sehr gruselig!! Danke fürs Vorstellen!
    Liebe Grüße,
    Luna

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Luna,
      oh, das freut mich aber, dass ich dich da in ein dir unbekanntes Genre einführen konnte! Ja, ich muss bei dem Wort „unheimlich“ in dem Kontext auch immer etwas schmunzeln. 😉 Am gruseligsten finde ich die Unterkategorie Southern Gothic – eben weil die Sklaverei ein (leider Gottes) reales Grauen für die Sklav*innen damals war und kein Spukgespenst oder Schauer, den man sich zur Belustigung erzählt hat.
      Ich habe jetzt die Serie zu Ende gesehen und kann besonders als Mensch, der nicht auf die typischen Schreckmomente steht, sagen: kann ich leider nicht empfehlen. 😦

      Liebe Grüße
      Alina

      Gefällt 1 Person

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