In einem Taxi nach… Charlottenburg #Hirngespenster

Da war es also passiert, autsch.

Ich war tatsächlich das erste Mal in meinem Leben gestrandet. Mitten auf die kleine verlassene (zugegeben, ziemlich dreckige) Insel namens Friedrichshain unter der Woche, Lagune „Warschauer Straße“. Es fuhren wirklich keine öffentlichen Nahverkehrsmittel mehr zu dem Ort, an dem ich aber geplant hatte zu nächtigen. Und wo alle anderen Sachen lagen, welche ich nicht für den vorangegangenen Konzertgang in meinen Beutel gepackt hatte.

Eine kurze Welle Angst umspülte meine Zehen, zog sich aber gleich wieder zurück ins Meer meiner Gefühle und der Pragmatismus setzte erneut ein. Daumen raus, dann bleibt eben nur noch die letzte Möglichkeit: ein Taxi. Ich als Studentin habe ich mich davor immer gedrückt, zwecks der Finanzen, ihr kennt das…

Fürs Erste waren wohl alle Klischees erfüllt: ich, Provinzlerin vom Lande, der Taxiführer mit türkischem Hintergrund und die Musik langsamer Jazz. Ich hätte mir lieber „Just Like Honey“ von „The Jesus and Mary Chain“ gewünscht, um mich wie Bob in der Endsequenz von „Lost in Translation“ zu fühlen, als er im Taxi Tokio verlässt. Im Gegensatz zu ihm hatte ich aber keinen Jetlag und hätte nicht die ganze Nacht wachbleiben können, im Gegenteil, ich war hundemüde.

Mit meiner furchtbaren neugierigen Art löcherte ich den Taxifahrer also einfach über seinen Beruf, um mich wach zu halten und diese seltsame Stille zu füllen, die mich immer wahnsinnig aufregt. Wie gehen Taxifahrer nur damit um, die diese Stille bestimmt mehrmals an einem Arbeitstag durchstehen müssen? Vielleicht sollte ich mich daran schon einmal gewöhnen, mit einem Studium der Philosophie im Nebenfach steht mir eventuell auch eine Karriere als Taxifahrerin bevor…

Er schien sich offenbar über die Gesellschaft einer relativ ausgeglichenen, nüchternen und redefreudigen Kundschaft zu freuen und plapperte offen mit seinem türkischen Akzent über seinen Job. Und je länger er das tat, je länger ich ihm zuhörte (und von Friedrichshain nach Charlottenburg ist es ein ganzes Stück), Geschichten über so allerhand besoffene, liebeskranke oder verrückte Menschen aller nur möglichen Geschlechter und Herkünfte mehr oder minder fasziniert lauschte, schlich sich eine leise Erkenntnis in meinen Kopf.

Menschen, die allein spät abends (oder früh morgens, das ist wohl Ansichtssache, sobald es drei Uhr durch ist) Taxi fahren, sind alle irgendwie einsam. Entweder sind sie gerade verlassen worden, schon länger single, haben jetzt ihre Begleitung verloren oder sind auch schon vorher alleine unterwegs gewesen. Solche Menschen wollen reden und jemanden haben, der ihnen dabei zuhört (und im Fall der armen Taxifahrer können diese nicht einmal wegrennen). Ich war da wohl eine Mischung. Ich hatte zuvor, es war zwar nur eine Millisekunde gewesen, mich aber tatsächlich in dieser Millionenstadt mutterseelenallein gefühlt. Ich war allein. Und ich bin single. Ich war, wie oft, allein in Berlin unterwegs gewesen. Besoffen war ich zwar nicht, aber liebeskrank und verrückt? Bestimmt, zumindest zu einem gewissen Grad.

Aber das war nicht einmal schlimm. Ich war verhältnismäßig immer noch gefasst und schien mein Leben, oder zumindest das, was sich „meine Existenz“ schimpft, so einigermaßen unter Kontrolle zu haben. Jedenfalls erschien dies dem Taxifahrer so, der mich am liebsten noch bis runter zum Wannsee gekutscht hätte, um länger mit mir gemütlich Konversation zu führen. Aber da die aufgehende Sonne so langsam aber sicher meine Wimpern zu kitzeln begann und ich immer noch hundemüde war, stieg ich letztendlich an der angegebenen Adresse aus und hievte meine müden Glieder aus dem Mercedes.

Jetzt sitze ich, Tage später, in meinem Zimmer, lasse demonstrativ „Just Like Honey“ laufen und fühle mich tatsächlich noch einsamer, als in dieser Millisekunde in der deutschen Hauptstadt. Und ein bisschen verfluche ich mich dafür, denn ich dachte immer, ich könne gut mit Alleinsein umgehen. Und an sich mag ich es sogar, es hat nie ein Problem dargestellt… Sofern es nicht eine andere Existenz gibt, ohne die jede Gesellschaft durch andere Existenzen immer noch irgendwie einsam und allein erscheint.

Ja, ich bin liebeskrank. Ja, ich bin verrückt. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich nicht besoffen war. Abgesehen davon gleiche ich anscheinend den anderen Taxigästen. Was für ein seltsames Gefühl, tatsächlich einmal irgendwie dazuzugehören…

 

„Walking back to you is the hardest thing that I could do“

 

4 Gedanken zu “In einem Taxi nach… Charlottenburg #Hirngespenster

  1. Hauptsache ist, dass du gesund und munter angekommen bist 😀
    Aber ich kenne dieses Gefühl der Einsamkeit, welches sich gerade in Taxis als Begleiter niederlässt.

    Weißt du was? Mit unserer brotlosen Kunst werden wir einfach gemeinsam Taxifahrer, einer Fährt, einer spielt Navi 😀

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  2. Oh ja, diese Stille im Taxi ist echt echt schlimm… das einzig Schlimmere ist, wenn der Taxifahrer ununterbrochen in einem unverständlichen Dialekt plappert und man kein Wort versteht xD

    Und wie wir neulich schon im Kino gelernt haben: Bei Einsamkeit schüttet man Stresshormone aus. Vielleicht brauchst du mal eine „zärtliche Berührung“… 😉

    Gefällt 1 Person

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